Trauerkultur

Der Wandel in der Bestattungskultur braucht eine lebendige, gesellschaftliche Diskussion. Dafür setzen wir uns ein.

Altwerden, Pflege und Sterben sind mittlerweile laut diskutierte Themen. Das ist gut. Weniger gut ist hingegen, dass es kaum eine öffentliche Stimme zur Bewahrung unserer Friedhofskultur gibt. Der solidarische Zusammenhalt einer Gesellschaft dokumentiert sich nicht nur in Kindertagesstätten und Schulen, sondern auch in Orten, an denen wir gemeinsam gedenken: unseren Friedhöfen.

Rund 33.000 Friedhöfe gibt es in Deutschland und bei vielen sind die Verwalter ratlos, wie sie ihren Friedhof finanzieren sollen. Ein Friedhof ist eine Solidargemeinschaft genau wie unser Staat. Der eine finanziert sich aus Steuergeldern, der andere aus Friedhofsgebühren. Die Bewahrung unserer Friedhofskultur benötigt Aufmerksamkeit, Wertschätzung sowie die Bereitschaft zu reden und eine Auseinandersetzung mit einem Thema, dass unausweichlich uns alle betrifft. Jeder der sich gegen ein namenloses Grab auf dem Friedhof entscheidet, trägt zu dieser Bewahrung bei.

Leider sind die verantwortlichen Verwalter der Friedhöfe nicht immer gewillt, alte verkrustete Grablandschaften aufzubrechen um neue Bedürfnisse der Bürger und der Veränderungen der Gesellschaft nach zu kommen. Hier können private Initiativen helfen mehr Flexibilität auf die Friedhofslandschaften zu bringen.

GESELLSCHAFT UND BESTATTUNG
Zwischen Tradition und Moderne: Wie sieht eine würdevolle Bestattung aus?

In der Mediengesellschaft erscheint der Tod allgegenwärtig. Über Kriegs- und Krisenberichte, Serien und Filmproduktionen darf uns der Tod bis aufs heimische Sofa folgen. Doch was nach einem selbstverständlichen Umgang aussieht, überdeckt die wahren Verhältnisse. Das eigene Alter, Krankheit und Tod sind Themen, die meist so lange wie möglich verdrängt werden.

Das Thema „Bestattung“ findet sich vor allem in Schlagzeilen über „schwarze Schafe“ oder „Billiganbieter“ wieder. Dabei sollten wir vielmehr eine differenzierte Diskussion führen, zumal die Bestattungskultur mehr reflektiert als nur die Interessen eines Berufsstandes. Als älteste Kulturform zeigen die Bestattungsriten, wie eine Zeit oder eine Gesellschaft – über das Leben hinaus – mit der Würde des Menschen umgeht. Als Bestatter gewährleisten wir, dass die menschliche Würde im Tod gewahrt bleibt.

Dazu gehört auch, dass wir uns für den Erhalt von Friedhöfen und Grabdenkmälern einsetzen: Denkmalschutz durch Grabpatenschaften Skulpturen von Julius Seitz (1847 – 1912) in Freiburg im Breisgau. Fotos von Richard Schindler · Fotoband (56 Seiten) mit Texten von Karl-Heinz Müller, Peter Kalchtaler Richard Schindler und einem Zitat von Heinrich Müller aus dem Jahr 1919. Diesen Fotoband, sowie weitere Informationen zu der Initiative, können Sie bei uns erhalten.

Das Freiburger Bestattungsinstitut Müller beteiligt sich aktiv an der Diskussion und engagiert sich für Menschen: als Berater zur Bestattungsvorsorge und als Dienstleister über den Tod hinaus. Denn in der individualisierten Gesellschaft müssen wir als Bestatter immer häufiger fehlende Angehörige ersetzen. Wir führen die Bestattung nach den Wünschen des Verstorbenen durch: einfach oder sehr individuell. Immer würdevoll.

Als stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins zur Pflege der Friedhofs- und Bestattungskultur Freiburg hat sich Karl-Heinz Müller für den Erhalt der Friedhöfe und dem Umgand mit den Themen rund um den Freiburger Friedhof von 2003 bis 2010 eingesetzt. Der „Tag des Friedhofs“ bietet ein umfangreiches Programm von Ausstellungen, Lesungen, unterschiedlichen Führungen, Vorträgen, Diskussionen und ökumenischem Gottesdienst.

GESCHICHTE UND ENTWICKLUNG
Bewahren und Erneuern

Die Trauerkultur ist nicht willkürlich oder starr, sondern spiegelt den Zeitgeist und das Weltverständnis einer Generation wider. Der Pastor Hinrich Claussen formulierte es in einem Artikel der Zeitung „Die Welt“ so: „Wie es um das Leben in einer Gesellschaft bestellt ist, zeigt sich nicht zuletzt an ihrem Umgang mit den Toten.“ (Claussen 2008).

Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit wandelte der aufkommende Protestantismus die Beziehungen zwischen Lebenden und Toten. Erstmals wurde der traditionelle Kirchhof, der Begräbnisplatz um das Gotteshaus aufgegeben und Friedhöfe vor den Toren der Städte angelegt.

Im Zeitalter der Aufklärung siegte dann der Hygienediskurs über kirchliche Traditionen. Es wurde der Versuch unternommen, im Umgang mit dem Tod ein spezifisch bürgerliches, an Hygiene, Ordnung und Effizienz orientiertes Vernunftdenken durchzusetzen. Die ersten Leichenhallen entstanden. Im bürgerlichen 19. Jahrhundert entwickelten sich die Friedhöfe zu repräsentativen Stätten der städtischen Gesellschaft. Unter zunehmender gartenkünstlerischer Ausgestaltung gerieten sie zur Kulisse des bürgerlichen Grabmalkults. Unterschwellig jedoch schritt die Entzauberung des Todes rasch voran. Krematoriumsbauten und die Einführung der modernen Feuerbestattung bahnten ihr im späten 19. Jahrhundert, im Zeitalter der Industrialisierung, endgültig den Weg.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen die ersten Bestattungsunternehmen, die sich immer weiter zum Begleiter der Angehörigen entwickelten. Das 20. Jahrhundert sah den millionenfachen Kriegstod und die systematische Massenvernichtung. Die Technisierung des Todes fand in den Krematorien der nationalsozialistischen Konzentrationslager ihren zynisch-perfektionierten Höhepunkt. Heute, im frühen 21. Jahrhundert, ist die Trauerkultur von einer hohen Diversität gekennzeichnet. Die oben beschriebene Auflösung alter Muster und Traditionen und die dargelegten gesellschaftlichen Wandlungen stellen die Menschen vor die Aufgabe, neue Wege zu gehen, bieten aber auch, zusammen mit den heutigen medizinischen und technischen Mitteln, eine nie dagewesene Vielzahl von Möglichkeiten für Bestattung und Erinnerung.

Die aufgezeigten Entwicklungen, die Nähe zu den Toten und Klerikalisierung im Mittelalter, welche durch die Industrialisierung und Säkularisierung seit dem 18. Jahrhundert immer weiter zurückgehen und der damit verbundene Verlust von Trauer- und Bestattungsriten, die im 19. Jahrhundert wieder eingeführte und immer beliebter werdende Feuerbestattung sowie die Verdrängung des Todes und starke Individualisierung im 20. Jahrhundert haben Fragmente und Elemente hinterlassen, aus denen im 21. Jahrhundert auf Grund fehlender Riten individuell frei gewählt und zusammengestellt werden kann.

Klie bezeichnet die „neue Bestattungskultur“ als „additives Patchwork an Elementen und Mustern mit zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten“ (Klie zit. in Fischer 2011, S. 139), welches einerseits zur weiteren Auflösung alter Traditionen, andererseits zur Entwicklung von neuen Ritualen führe. Die gegenwärtige Trauerkultur befindet sich somit gerade in einem Übergang.

Die zu beobachtenden Erscheinungen und Veränderungen sind Phänomene einer Suche; die mobile, medial ausgerichtete Gesellschaft des 21. Jahrhunderts tut das, was jede Generation in unterschiedlichem Ausmaß vor ihr auch getan hat, sie passt die Trauerkultur ihrer Zeit an.

INITIATIVEN
Würdevoll gedenken und Verantwortung tragen

Wir setzen uns für die Wahrung der Würde des Menschen ein – im Leben und über den Tod hinaus. Wir unterstützen die gesellschaftliche Diskussion zur Bestattungskultur, engagieren uns in Initiativen für Menschen und für das würdevolle Andenken an die Verstorbenen:

Den Ungeborenen – Gedächtnistor“ für Menschen mit totgeborenen Kindern

Für Eltern, deren Kind nicht lebensfähig war und das aufgrund seines Entwicklungsstadiums nicht beerdigt werden konnte, ist das Gedächtnistor am Freiburger Hauptfriedhof ein Ort der Erinnerung. Gestiftet als solidarische Geste bietet das Gedächtnistor betroffenen Eltern die Möglichkeit, einen individuell gestalteten Gedächtnisstein für ihr Kind in eines der Fächer zu legen und aktiv zu trauern.

Initiativen zum Erhalt der Friedhofskultur: Grabpatenschaften, Pflege von Grabdenkmälern, „Tag des Friedhofs“

Die Friedhofskultur gehört unter Denkmalschutz gestellt, denn Friedhöfe sind weit mehr als nur Ruhestätten für Verstorbene. Sie sind Orte des Friedens, der inneren Einkehr, des Findens und Loslassens für die Lebenden und oftmals die einzigen großen Parkanlagen in den Städten. Friedhöfe zu erhalten, ist daher im Interesse aller, auch nachfolgender Generationen. Viele wertvolle Bau- und Kunstwerke (z. B. das denkmalgeschützte Eingangsportal, das Krematorium und die Einsegnungshalle des Freiburger Hauptfriedhofs) verdienen es, als Kulturdenkmäler erhalten zu werden.
Um die Öffentlichkeit dafür zu gewinnen, unterstützen wir den „Tag des Friedhofs“, übernehmen und vermitteln Grabmalpatenschaften. Diese stellen mitunter die einzige Möglichkeit dar, Grabkunstwerke zu restaurieren.
Bitte informieren Sie sich: z. B. Skulpturen von Julius Seitz (1847 – 1929) Denkmalschutz durch Grabmalpatenschaft Hrsg. Freiburger Bestattungsinstitut Karl. B. Müller und Institut für Visual Profiling, Freiburg 2006.

Initiative für Menschen mit Hornhautschäden:

Aufruf zur Hornhautspende nach dem Tod. Das Freiburger Bestattungsinstitut Müller unterstützt die Augenklinik Freiburg mit der Initiative zur Hornhautspende. Fast jeder Verstorbene kommt als Spender in Frage. Viele Menschen mit starker Hornhauteintrübung warten oftmals jahrelang vergeblich auf eine Spende – mit teils schweren sozialen Folgen. Wenn es Ihr Wille ist, können Sie neues Sehen schenken.

Wir engagieren uns für den Erhalt des Freiburger Münsterturms.

Seit 2009 bieten wir zwei verschiedene Münsterturm-Urnen an. Für jedes verkaufte Exemplar spenden wir 50 Euro an die Initiative „Wir bauen mit!“ Die zwei Urnen sind von der Keramikkünstlerin Antje Willer gestaltet und handgefertigt. Jede davon ist ein Unikat. Weitere Informationen zur Urne unter www.muensterturm-urne.de und zur Initiative unter www.wir-bauen-mit.de.

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